28.10.2025 | Brüderkrankenhaus Trier
Vor zwei Jahren übernahm Professor Dr. med. Assad Haneya die Leitung der Trierer Herzchirurgie, seither hat sich die Zahl der Operationen am Herzen im Brüderkrankenhaus verdoppelt. Der international renommierte Mediziner, der auch die Thorax- und Gefäßchirurgie verantwortet, war seinerzeit von Kiel an die Mosel gekommen und hat die hiesige Herzchirurgie neu aufgestellt. Diese ist eine von drei Kernabteilungen des Herzzentrums Trier. Ein Gespräch mit Professor Haneya über neue minimalinvasive Möglichkeiten seines Fachs, die Bedeutung seiner Abteilung für die herzchirurgische Versorgung in der Großregion sowie die internationale Forschung.
Herr Professor Haneya,
mit Ihrem Wechsel vom Universitätsklinikum Schleswig-Holstein in Kiel ins
Herzzentrum Trier brachten Sie eine ganze Reihe von Ideen und Innovationen mit.
Wie fällt Ihre Bilanz nach den ersten beiden Jahren aus?
Professor Dr. med.
Assad Haneya: Absolut positiv! Gemeinsam mit unseren Kolleginnen und
Kollegen der weiteren Kernfachabteilungen des Herzzentrums Trier, der
Kardiologie und der Rhythmologie, ist es uns gelungen, das Brüderkrankenhaus zu
einem der führenden Zentren der Herzmedizin in Deutschland zu entwickeln.
Hieran hatte und hat die Herzchirurgie einen bedeutenden Anteil.
Woran machen Sie das
fest?
Professor Haneya:
Ein deutlicher Beleg für die von mir beschriebene Entwicklung ist die Zahl der
durchgeführten Operationen: Während vor zwei Jahren jährlich rund 400 Eingriffe
vorgenommen wurden, sind es inzwischen knapp 800 OPs. Immer mehr Patientinnen
und Patienten kommen nicht nur aus der Region um Trier, sondern weit darüber
hinaus, um sich bei uns behandeln zu lassen. Das spricht für die hohe Qualität,
die hier erreicht wurde.
1991 wurden im
Brüderkrankenhaus erstmals Operationen am offenen Herzen durchgeführt, seither
haben sich die Möglichkeiten der Herzchirurgie wie auch die der Kardiologie und
Rhythmologie dramatisch verändert. Sie haben als ausgewiesener Experte für
minimal-invasive Herzchirurgie einige dieser neuartigen Verfahren hier
etabliert.
Professor Haneya:
Als ich nach Trier kam, war es mein erklärtes Ziel, hier die minimalinvasive
Herzchirurgie zu etablieren. Tatsächlich ist die Spezialisierung auf
minimal-invasive Eingriffe heute ein besonderes Markenzeichen unserer
Abteilung. Bei isolierten Herzklappen-OPs werden inzwischen über 95 Prozent
aller Eingriffe über kleinste Zugänge durchgeführt – ein Spitzenwert in
Deutschland. Auch für geeignete Bypass-Patienten können wir eine
minimal-invasive Operation anbieten. Nur sehr wenige Zentren in Deutschland
verfügen über diese Expertise.
Was sind die Vorteile
für die Patienten?
Professor Haneya: Bevor ich nach Trier kam, hatte ich bereits
national wie auch international umfassende Erfahrungen und Expertise auf diesem
Gebiet gewinnen können. Diese besondere Kompetenz wurde dann unter meiner
Leitung konsequent ausgebaut und etabliert. Für unsere Patienten bringen diese
minimal-invasiven Verfahren entscheidende Vorteile mit sich, entfällt doch die
sonst übliche Öffnung des Brustkorbs, weshalb der Eingriff insgesamt weniger
belastend und die Zeit der Regeneration deutlich kürzer ist.
Gleichwohl sind auch
minimal-invasive Operationen nicht schmerzfrei…
Professor Haneya:
Das stimmt, auch modernste Verfahren gehen mit postoperativen Schmerzen einher.
Zu den Begleiterscheinungen der minimal-invasiven Klappen- und Bypass-Chirurgie
zählt etwa der Umstand, dass die Schmerzen recht ausgeprägt sind, weil wir
teilweise über mehrere Stunden zwei Rippen spreizen mussten, um uns von der
Seite Zugang zum Herzen verschaffen zu können. Deshalb setzen wir bei unseren
Patienten auf eine besondere schmerztherapeutische Innovation.
Wie funktioniert diese
neue Schmerztherapie?
Professor Haneya:
Mit Temperaturen von bis zu 90 Grad Minus werden gezielt periphere Nerven im
Umfeld ausgewählter Rippen derart blockiert, dass sie über Wochen nicht mehr in
der Lage sind, Schmerzimpulse an das Gehirn abzugeben. Vereinfacht gesagt,
kappen wir die Nervenbahnen im operierten Bereich vorübergehend so, dass sie
faktisch ausgeschaltet sind. Im Zuge der Regeneration kehrt die Funktion der
peripheren Nerven schrittweise zurück und stellt sich schließlich vollends
wieder ein. Diese sogenannte Cryo Nerve Block-Therapie hat sich bewährt und ist
inzwischen bei uns etabliert. In enger Zusammenarbeit mit der Anästhesie wurden
außerdem moderne Narkosekonzepte etabliert, die kurze Narkosezeiten sowie eine
rasche Extubation direkt nach der Operation ermöglichen und so das Risiko für
Komplikationen wie Delir erheblich senken.
Überregionales
Aufsehen erregten Sie im April vergangenen Jahres, als Sie erstmals in
Rheinland-Pfalz einem Patienten ein Kunstherz implantierten.
Professor Haneya:
Der Aufbau eines Programms zur Versorgung von Patienten mit schwerer
Herzschwäche war und ist einer der Schwerpunkte meines Teams. Neben modernen
Herzunterstützungssystemen, sogenannten Kunstherz- oder Pumpensystemen, wurde
2024 landesweit erstmals ein sogenanntes „Total Artificial Heart“, also ein
vollständig künstliches Herz erfolgreich implantiert. Damit zählt das
Herzzentrum Trier zu einem der wenigen Zentren in ganz Deutschland und sogar in
Europa, die dieses hochkomplexe Verfahren beherrschen.
Wenn Sie derart
moderne und an nur wenigen Zentren etablierte Verfahren einsetzen – inwiefern
fließen Ihre Erfahrungen und die Ihres Teams dann auch in deren
Weiterentwicklung mit ein?
Professor Haneya:
Klar hat eine optimale Versorgung unserer Patienten höchste Priorität und steht
im Mittelpunkt. Doch auch die Forschung spielt für uns eine entscheidende Rolle.
Die Trierer Herzchirurgie nimmt inzwischen an einer ganzen Reihe
multizentrischer Studien teil und hat zahlreiche wissenschaftliche Arbeiten in
internationalen Fachzeitschriften veröffentlicht. Ein besonderes Anliegen ist
mir auch die Ausbildung junger Medizinerinnen und Mediziner: In Kooperation mit
dem Medizincampus Trier der Universitätsmedizin Mainz werden spezielle Kurse
für Studierende angeboten, um frühzeitig Einblicke in die Herzchirurgie zu
geben und Begeisterung für das Fach zu wecken.
Hinzu kommt: Unsere Expertise in der minimal-invasiven
Herzchirurgie bleibt auch international nicht unbemerkt. In Kooperation mit
zwei großen Medizintechnik-Firmen kommen mittlerweile regelmäßig Chirurgen aus
dem In- und Ausland nach Trier, um direkt von den Erfahrungen meines Teams zu
lernen. Damit hat sich Trier als Trainings- und Referenzzentrum etabliert, das
nicht nur Patienten, sondern auch die Fachwelt begeistert.